Zum Thema Best Ager.

31. August 2006 | 15:26 Von: jschweder | | Comments (2)

Best Ager?

Im Editorial der letzten oder vorletzten Ausgabe des empfehlenswerten Magazins Novum hat Chefredakteurin Bettina Ulrich ein interessantes Thema aufgegriffen. Die heute im Fokus der schönen bunten Medienwelt stehenden High Potentials zwischen 20 und 40 sind demnächst raus. Sie ahnen es: Geburtenrückgang, Alterspyramide usw.. Da gilt es neue Konzepte zu entwickeln, um den Privatier von Morgen mit jenen Produkten anzusprechen, die für seine Existenz unabdingbar sind. Ein neues Label für die heißeste Zielgruppe ist ebenfalls gefunden. “Best Ager”. Aha.

Nun wage ich, folgende Frage aufzuwerfen: Definieren sich Konzepte in Print & Web ausschließlich über den Faktor “Alter des Rezipienten”? Menschen in der sogenannten zweiten Lebenshälfte sind nach meiner Information in ihren Geschmäckern und Eigenschaften ebenso heterogen wie der hier schreibende Autor in den End-Zwanzigern. Nicht jeder verbringt den Lebensabend mit Kaffeefahrten nach Helgoland. Eine “Senioren-orientierte” Werbestrategie verursacht bei mir zunächst eines: Sodbrennen. Danach folgt ziemlich schnell das Kopfschütteln.

Als ich im zarten Alter von acht Jahren “kindgerechte” Fernsehsendungen verfolgt habe, bekam ich regelmäßig Aggressionen. Als Tele 5 uns ein paar Jahre später mit zielgruppenorientierten Spots infiltrierte, konnte ich immerhin schon zappen. Warum sollte das mit ein paar Jahren mehr auf dem Buckel anders sein?

Ich wünsche mir keine Senioren-optimierte Werbung. Ich wünsche mir Unternehmen, die ihre Kunden ernst nehmen und nicht wie Aliens behandeln. Unabhängig davon, ob sie zwanzig oder sechzig sind. Dann funktionieren Botschaften auch ohne Latschenkiefer-Klischees und Phrasen à la “Inkontinenzslips mit Dry-Plus-Vlies, extra breitem Saugkissen, geruchsbindendem Ultra-Saugkern und Nässeindikator”.

2 Kommentare »

  1. Hallo,

    das sehe ich exakt genauso – und würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Wenn man sich in Deutschland nicht bald vom allgemeinen “Reife-Märkte”-Gerede und Seniorenteller verabschiedet, wird die tatsächlich sehr heterogene Zielgruppe ab 50 irgendwann werbeimmun werden.

    Es gibt riesige Unterschiede: Die beginnen bei der persönlichen Freizeitgestaltung, gehen über Partnerschaften und berühren nicht zuletzt auch die ganz individuelle Fitness. Und genauso wie die 14 bis 49-Jährigen (die ja bislang Lieblingskinder der Werbetreibenden waren) keine einheitliche Gruppe sind, müssen die Unterschiede in den Zielgruppen ab 50 berücksichtigt und in der Ansprache umgesetzt werden.

    Eine Idee dazu: Eine Community, in der Best Agers die Hauptrolle spielen und sich auch über diese Themen selbst äußern können. Ohne dass die Rede von Inkontinenzwindeln oder Plätze fürs Betreute Wohnen geht, vielmehr stehen hier Freizeit, Reisen und Kontakte im Mittelpunkt. Einfach mal reinschauen – unter http://www.platinnetz.de ist diese Woche dieses Angebot an den Start gegangen.

    Kommentar by Heike H. — 4. April 2007 @ 15:09

  2. Solange die meisten Werbefachleute unter 50 sind, wird die Zielgruppe 50plus für diese ein Mysterium bleiben…

    Zielgruppengerecht heißt eben nicht, alle über einen (“alten”) Kamm scheren. Sondern Dienstleistungen und Waren bedarfsgerecht anbieten, d. h. sie müssen einen spezifischen Nutzen aufweisen. Und das heißt – wie in anderen Bereichen auch – auf den Markt zu hören, in ihn hinein horchen.

    Die Generation 50plus definiert sich eben nicht (nur) über das Alter – und will schon gar nicht daran erinnert werden.

    Kommentar by Charlotta — 30. Juli 2007 @ 14:14

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