DMMK Interaktives Design – Review vom ersten Tag

28. September 2006 | 0:41 Von: jschweder | | Comments (3)

DMMK, Haus der Architekten, Stuttgart

Deutscher Multimedia Kongress – Tag 1. Location war das Haus der Architekten in Stuttgart, in Hanglage mit Blick auf die City. Für norddeutsche Werber wie mich ein wahres landschaftliches Highlight ;)

» “Monetizing the Crowd in a Web 2.0 World”

Die Eröffnungsrede lieferter der Kanadier Bruce Livingstone, CEO von istockphoto.com. Ein sympathischer Auftritt, mit kurzer Vita (inklusive Kinderphotos mit X-Wing Fighter und einem Hinweis auf seine DJ-Tätigkeit in einem Strip-Club zum Beginn ;)). Am 18. September wurde übrigens die deutsche Version von istockphoto gestartet, bisher machen deutsche Nutzer ca. 4% des Umsatzes aus, für das kommende Jahr werden 8-10% angestrebt. Seiner Definition von Crowdsourcing (“Lagere Entwicklungen an eine Gruppe externer Personen/User mit gemeinsamen Interesse aus.”) folgte eine Abhandlung seiner Erfolgsfaktoren für 2.0-Projekte.

  • Entwickle eine Idee, die eine “soziale Epidemie” verursacht (hübsche Definition für das Wort Hype ;))
  • Höre auf deine Community
  • Balanciere die kommerziellen Bedürfnisse und die der Community aus
  • Richte “humane Filter” ein
  • Du hast keine Kontrolle
  • Verwerte deinen Hype
  • Beständige Weiterentwicklung
  • operational excellence – konzentriere Dich auf die Verbesserung von Details

“Community” gehört übrigens nicht zu seinen bevorzugten Begriffen, da diesem das Stigma eines Jobkillers anzuhaften scheint. Livingstone selbst bevorzugt “Super Public”, was indes auch nicht das Gelbe vom Ei ist. Neben den finanziellen Aspekten waren auch die weiterhin autarke Organisation, wie auch die Möglichkeit der gemeinsamen technischen Weiterentwicklung Motivationsgrüne des Verkaufs von istockphotos an Getty Images . Schöner Einstieg, da schmerzte lediglich die schlechte Tonabmischung von Redner und Musik.

» Cue-Management

Es folgte eine Reihe von Standups zu Cue-Management. Für mich ein bis dahin unbekannter neudeutscher Begriff, wie ich gestehen muss. Im Grunde ist die Ansprache des Kunden mit möglichst viel Sinnen/Reizen gemeint (auch im Web). Alles aufzugreifen wäre zuviel des Guten, besonders stach hier Fabian Sax mit einer rethorisch winhaltlich glänzenden Vorstellung hervor. Zynismen à la Harald Schmidt, hochinteressante Inhalte zum Einsatz von Emotion in der Werbung – großartig. Auf die Risiken zum Einsatz viraler Mittel (Reaktanzrisiko, Verwässerung des Markenbildes) wies er ebenso hin wie auf deren Vorzüge (Besserer Recall, aktiver Beitrag zum Markenaufbau, Chance langfristiger Kundenbindung).

Renata Slisuric von Coca-Cola und Sven Küster von den Argonauten bezogen für ihre Vorstellung der “Coke Side of Life”-Kampagne ein wenig verbale Prügel von Jung von Matt-CEO Peter Kabel, der sich schon einmal für das folgende Streitgespräch warm redete.

» Streitgespräch: Web 2.0 = Design 0.5?

Irgendwie habe ich das Streitthema nicht so wirklich als Aufhänger für eine gute Diskussion empfunden. Reduziertes Design muss nicht unbedingt schlecht sein, zumal es ja nun nicht nur um optische Elemente, sondern auch um Usability und Funktionalität geht. Peter Kabel und Alex Wunschel spielten allerdings schöne verbale Doppelpässe was unterhaltsam genug war. Unterschiede in den Kommunikationskulturen der Vereinigten Staaten, Frankreich und Deutschland – okay, wussten wir auch vorher. Balsam auf meine Seele bot die Äußerung, daß nicht jede Website barrierefrei sein muss. Wozu auch, schließlich richten sich viele Projekte nur an spezielle Zielgruppen. Nett: Barrierefreiheit als Buzzword aus der Zeit vor dem 2.0-Hype einzuordnen ist zwar politisch nicht korrekt, aber völlig richtig ;)

» Simplicty – die neue Einfachheit

Nichts revolutionäres zum Thema. Michael Volkmer zeigte anhand von Beispielen, wie man komplizierte Dateninhalte in informativen und dennoch sehr ansprechenden Animationen darstellen kann. In Erinnerung blieb die Europakarte, die sich aus der Zahl der Zugriffe registrierter User einer Website entwickelte. Großartige Form der Statistikdarstellung.

Konrad Marx von Spreadshirt sprang anschließend für den just mit Nachwuchs beglückten Andreas Milles ein. Diverse Punkte waren bereits in den vorangegangenen Vorträgen angesprochen worden, interessant war vor allem die Schilderung des Openlogo-Contests aus Sicht von Spreadshirt. Über die Richtigkeit der 1%-Regel, wonach jedes Produkt mindest ein Prozent begeisterter Nutzer und Sympathisanten hat (egal wie schlecht es ist) muss ich allerdings noch einmal in mich gehen. Für Heiterkeit sorgte jedenfalls die Äußerung, man habe Venture Capital nur “zum Rumspielen” aquiriert.

» Die dritte Dimension – innovative Designwelten

Ich erinnere mich daran, daß man 3D vor ein paar Jahren als absolutes Topthema in der Branche behandelte. Ob das so wirklich in die Themenmischung des Kongresses passte, darüber kann man streiten. Ich selbst hab mich an der SAE mit Bryce (3D für Anfänger) und Cinema 4D beschäftigen müssen. Meine Welt ist das nicht wirklich, aber bei einigen Produkten ist 3D sicherlich eine unumgängliche Form der Darstellung. Schade: Durch die ein wenig dröge Präsentation von Dr René de la Barré vom Fraunhofer Institut verlor man doch die Motivation dem Thema zu folgen. Er stellte ein paar 3D-Displays vor – nur wie will man 3D Displays auf einem 2D-Beamer darstellen? Hier hätte man vielleicht das Produkt selbst live vorführen können, da entwickelte sich kein wirklicher Groove. Die Powerpoint-Präse in grün-grauer Optik erinnerte mich ebenso wie das Tempo des Redners an gruselige Uni-Zeiten und war (bei unumstrittener sachlicher Kompetenz) auf einem Kongress für interaktives Design ein live vorgeführter Anachronismus.

Wesentlich spannender (und rhetorisch hundertmal ansprechender) waren da die Vorstellungen von Thomas Rühlemann und Armin Pohl. Beide stellten Konfiguratoren für Mercedes-Busse bzw. die CL-Klasse vor, was wesentlich mehr praxisbezug hatte und optisch wirklich großartig ausschaut. Was für Arbeitsprozesse und Manpower hinter solchen Projekten steckt, mag man sich nicht vor Augen führen, aber das die Mercedes-Berater mit derart mächtigen Konfigurationstools die Kaufentscheidungen ihrer Kunden positiv beeinflussen, ist unschwer nachzuvollziehen.

» Fazit

Schöner Kongressbeginn in schöner Location. Viel Input, ein paar thematische Schwächen bei der Planung. Wirklich genervt hat eigentlich nur die schlechte Abmischung, wenn die Redner in ihren Präsentationen musikalische Untermalung einsetzen. Nennt mich pingelig, aber warum wird immer am Ton gespart? 3D hätte einen eigenen Kongress mit entsprechendem Publikum verdient, in der Realität der meisten Agenturen spielt diese Darstellungsform meiner Ansicht nach eher eine Nebenrolle und so fiel die Rezeption im Vergleich zu den vorangegangenen Stand-ups etwas schwächer aus. Insgesamt ist der Kongress indes gelungen, bin gespannt was beim morgigen Usability-Workshop passiert.

3 Kommentare »

  1. für den unüberlegtem kommentar innerhalb des vortrages “vc, um ein bissl zu spielen” muss ich mich wohl entschuldigen bzw. dies richtig stellen. die erstrundenfinanzierung war durchaus von ernsthaften und strategischen überlegungen getrieben. mehr dazu auf gruenderszene.de. eigentlich wollte ich nur rüberbringen, dass der kapitazufluss nicht zwingend zur finanzierung des weiteren wachstums notwendig gewesen wäre. der wichtigste aspekt war die erfahrung des vc-gebers accel beim aufbau schnell wachsender unternehmen sowie dessen erstklassiges internationales netzwerk, das unseren optionenraum weiter aufstossen kann. siehe auch http://www.spreadshirt.net/17_07_2006.872.0.html

    Kommentar by Konrad — 28. September 2006 @ 10:15

  2. Alex Wunschel als Designkritiker? ;-) Interessant!
    Viel Spass noch!

    Kommentar by Christian Clawien — 28. September 2006 @ 10:21

  3. so kritisch war er eigentlich nicht, das thema war für ein streitgespräch unglücklich gewählt, die diskussion entzündete sich eher an anderen punkten…

    Kommentar by Björn Hornemann — 28. September 2006 @ 12:38

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